Rund eine Million Arten und fast 50 Prozent der Sprachen weltweit sind vom Aussterben bedroht. Ein Team aus Forschenden an der Universität Wien hat die Anzahl bedrohter Tierarten und Sprachen länderübergreifend erfasst und globale Hotspots identifiziert, an denen beide besonders gefährdet sind. In einem zweiten Schritt untersuchten sie die aktuellen und historischen Faktoren, die diese Bedrohungsmuster prägen.

Hotspots bedrohter biokultureller Vielfalt (Arten und Sprachen) finden sich insbesondere auf Inseln in Ozeanien und Ostasien wie Neuseeland, Japan oder Taiwan. Hotspots der Tiergefährdung finden sich auch in anderen (sub-)tropischen Inselstaaten wie Madagaskar, Haiti und Mauritius, während die Sprachgefährdung stärker auf Amerika, das südliche Afrika und Australien konzentriert ist.

Europäischer Kolonialismus ist gemeinsamer Schlüsselfaktor in der Bedrohung

Trotz unterschiedlicher Hotspots für die Gefährdung zeigen die Ergebnisse eine auffällige Gemeinsamkeit: „Über die erwarteten aktuellen Ursachen für den Verlust der biokulturellen Vielfalt hinaus zeigten unsere Modelle, dass der europäische Kolonialismus einen bleibenden Einfluss auf die Gefährdung von Sprachen und Arten hinterlassen hat“, sagt Biodiversitätsforscher und Studienleiter Bernd Lenzner von der Universität Wien.

Regionen, die früher von einer oder mehreren europäischen Mächten besetzt waren, weisen die höchste Gefährdung sowohl für biologische als auch für sprachliche Vielfalt auf. „Dieser Effekt wird umso ausgeprägter, je länger ein bestimmtes Land unter kolonialer Besatzung stand“, ergänzt Lenzner. Der europäische Kolonialismus führte zu tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen, etwa durch Ausbreitung invasiver Arten, eingeschleppten Krankheiten und gewaltsamen Konflikten mit lokalen Gemeinschaften.

Inselregionen sind besonders gefährdet

„Inseln sind besonders anfällig für den Verlust sowohl von Arten als auch von Sprachen“, sagt Sprachwissenschafter und Seniorautor Hannes Fellner von der Universität Wien und fügt hinzu: „Aufgrund ihrer geringen Größe sind Artenpopulationen anfälliger für Störungen durch invasive Arten oder den Verlust von Lebensräumen. Ebenso sind Sprachgemeinschaften auf Inseln oft kleiner, mit weniger aktiven Sprecher*innen pro Sprache. Zudem wandern jüngere Generationen zunehmend ab, was den Druck auf die sprachliche Vielfalt erhöht.“

Fortschreitende Globalisierung zeigt Relevanz der aktuellen Ergebnisse

Die Ergebnisse der Studie unterstreichen, wie wichtig es ist, die historischen Auswirkungen menschlichen Handelns zu verstehen. „Die Auswirkungen des kolonialen Erbes prägen nach wie vor sowohl Natur- als auch Kulturlandschaften und beeinflussen die Diversitätsmuster, die wir heute beobachten“, fasst Bernd Lenzner zusammen. Hannes Fellner ergänzt: „Diese Erkenntnisse sind im Kontext der fortschreitenden Globalisierung von großer Relevanz, wo ähnliche – oder sogar noch intensivere – großräumige Eingriffe in Kultur- und Umweltsysteme langfristige Folgen haben können, die noch nicht vollständig absehbar sind.“

Zusammenfassung:

  • Ein internationales Team unter Leitung der Uni Wien hat globale Hotspots in der Bedrohung von Arten und Sprachen identifiziert.
  • Hotspots bedrohter biokultureller Vielfalt (Arten und Sprachen) finden sich insbesondere auf Inseln in Ozeanien und Ostasien wie Neuseeland, Japan oder Taiwan.
  • Hotspots der Tiergefährdung finden sich auch in anderen (sub-)tropischen Inselstaaten wie Madagaskar, Haiti und Mauritius, während die Sprachgefährdung stärker auf Amerika, das südliche Afrika und Australien konzentriert ist.
  • Ein gemeinsamer Schlüsselfaktor in der Gefährdung von Arten und Sprachen ist der europäische Kolonialismus.
  • Je länger diese europäische Besetzung andauerte, umso ausgeprägter die Bedrohung.

Über die Universität Wien:

Die Universität Wien setzt seit über 650 Jahren Maßstäbe in Bildung, Forschung und Innovation. Heute ist sie unter den Top 100 und damit den Top 4 Prozent aller Universitäten weltweit gerankt sowie in aller Welt vernetzt. Mit über 180 Studien und mehr als 10.000 Mitarbeitenden ist sie einer der größten Wissenschaftsstandorte Europas. Hier treffen Menschen aus unterschiedlichsten Disziplinen zusammen, um Spitzenforschung zu betreiben und Lösungen für aktuelle und künftige Herausforderungen zu finden. Ihre Studierenden und Absolvent*innen gehen mit Innovationsgeist und Neugierde komplexe Herausforderungen mit reflektierten und nachhaltigen Lösungen an.

Über den Forschungsverbund Umwelt und Klima an der Universität Wien:

Bernd Lenzner ist Senior Scientist am Department für Botanik und Biodiversitätsforschung sowie Mitglied des interdisziplinären Forschungsverbunds Umwelt und Klima der Universität Wien (Environment and Climate Research Hub). Dieser bringt Forschende verschiedenster Disziplinen zusammen, um exzellente wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, die Lösungen für drängende Probleme wie Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Umweltverschmutzung bieten können.

Originalpublikation:

Lenzner B, Baumann A, Norder S, Essl F, Fellner H (2026) Legacy effects of European colonialism on hotspots of biocultural diversity threat. People and Nature. 
DOI: 10.1002/pan3.70308