Untersucht wurden erfahrene Hunde‑ und Wolfstrainerinnen im kontaktbasierten Umgang mit gleichartig aufgezogenen, an Menschen gewöhnten Hunden und Wölfen. Zuerst erfasste das Team die bewussten (expliziten) und unbewussten (impliziten) Einstellungen der Trainerinnen, bevor in standardisierten Soziabilitätstests physiologische Reaktionen wie die Herzfrequenzvariabilität und das Verhalten von Mensch und Tier aufgezeichnet und analysiert wurde.
Die Studie wurde am Konrad‑Lorenz‑Institut für Vergleichende Verhaltensforschung (KLIVV) der Vetmeduni in Kooperation mit der Universität Wien und der Core Facility Wolfsforschungszentrum (WSC) durchgeführt.
Bewusste und unbewusste Einstellungen zählen
Die Kernergebnisse: Explizite und implizite Einstellungen waren nicht miteinander korreliert und wirkten unabhängig. Gegenüber Trainerinnen mit grundsätzlich positiven bewussten Einstellungen zu Wölfen zeigten die Wölfe mehr Zuwendung und weniger Unbehagen. Trainerinnen, die im Impliziten Assoziationstest Hunde gegenüber Wölfen bevorzugten, wiesen bei Interaktionen mit beiden Arten eine geringere Herzfrequenzvariabilität auf – ein Zeichen für eine höhere physiologische Anspannung. Diese Veränderungen standen mit dem affiliativen Verhalten von Wölfen in Zusammenhang.
Wölfe reagierten sensibler als Hunde
Obwohl die Trainerinnen beide Arten langfristig ähnlich gut kannten, waren sie Hunden gegenüber positiver gestimmt und verhielten sich ihnen gegenüber offener. Wölfe reagierten sensibler als Hunde auf die Einstellungen und die Physiologie der Trainerinnen: Stiegen Herzfrequenz und Herzfrequenzvariabilität an (mehr Bewegung, mehr Entspannung), wurden Wölfe zugewandter, während Hunde davon vergleichsweise wenig beeinflusst waren.
„Selbst wenn Abläufe standardisiert sind und Forschende die Hypothesen nicht kennen, kann unsere innere Haltung in Tests ‘durchsickern’ und das Verhalten von Tieren verändern“, sagt Erstautorin Svenja Capitain von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. „Tiere lesen uns erstaunlich gut – über Worte, Taten und subtile physiologische Signale.“ Studienletztautorin Friederike Range (Vetmeduni) ergänzt: „Vergleichende Studien schreiben Unterschiede oft der Domestikation oder Kognition zu. Reagieren Hunde und Wölfe jedoch unterschiedlich auf menschliche Haltung und Körpersignale, könnten vermeintliche Artunterschiede tatsächlich auf menschliche Einflüsse zurückgehen. Die Forschung braucht Methoden, die den Einfluss Beteiligter besser ausschließen – über die übliche Verblindung hinaus.“
Folgen für Forschung und Praxis
Die Ergebnisse verweisen auf eine zusätzliche, bislang wenig beachtete Quelle für Verzerrungen in Tierstudien – neben dem bekannten Erwartungseffekt. Unterscheiden sich Einstellungen je nach Art, Population, Rasse oder sogar Individuum, können scheinbare Unterschiede im menschbezogenen Verhalten von Tieren unbewusst verstärkt oder abgeschwächt werden. Das ist auch praktisch relevant: Subtile Unterschiede im Zustand und Auftreten von Menschen können Tierreaktionen im Alltag prägen, etwa in Tierarztpraxen, in der Haustierhaltung, bei der Ausbildung von Dienst‑ und Assistenzhunden, in Zoos oder bei Begegnungen mit Wildtieren. Für verlässlichere Ergebnisse empfehlen die Autorinnen und Autoren, Einstellungen und – wo möglich – die Identität der Versuchsleitenden zu messen und zu berichten, menschliches Verhalten stärker zu standardisieren und zu dokumentieren, direkte menschliche Präsenz zu reduzieren bzw. Abläufe zu automatisieren und Studien standortübergreifend zu replizieren.